Kinder an die Macht
Unter dem
Titel „Geheimnisse hinter der Tapete“ nehmen die Betty-Bernstein
Erlebnisführungen in Schloss Loosdorf direkten Bezug auf die bis Oktober
laufende Zinnfiguren-Sonderausstellung im Schlossmuseum „Paris-Schöngrabern
- 200 Jahre Napoleon im Weinviertel.“
Text: Mag. Elisabeth Schicketanz
Fotos: Mag. Anita Hahn
„In eine andere Welt eintauchen, Geschichte lebendig werden lassen und
ein Museum in einen aufregenden Ort verwandeln“ - mit dieser Intention
fördert Verena Piatti Kinderprogramme in ihren alt-ehrwürdigen Räumen.
Über Verkleidungen und Spiele wird den kleinen Besuchern die
Identifikation mit Kindern aus einer anderen Epoche ermöglicht und damit
emotionales Verständnis für Geschichte aufgebaut. Unter Anleitung der
Betreuungspersonen können sie ihre eigenen Vorstellungen zur Kindheit in
den klassizistischen Räumen des Schlosses entwickeln.
Veränderungen, deren Ursprung in den geschichtlichen Ereignissen um 1800
liegt, werden durch den Wandel von Modediktaten erklärt: Abbildungen von
geschnürten Damen mit Turmfrisuren erregen Staunen und Heiterkeit und
lassen die bewegungshemmenden Empire-Kostüme dagegen bequem erscheinen.
Für so manche der kleinen Prinzessinnen wirkt das Leben als Kaiserin in
einem Schloss nach genauerer Besichtigung und Erklärung der
Einrichtungsgegenstände, besonders der alltäglichen Hygieneartikel,
nicht mehr ganz so erstrebenswert.
Um den Kindern den Zugang zu Napoleon, der für die Kleineren unter ihnen
eine völlig unbekannte Person ist, zu erleichtern, trägt Betty
Bernstein, das rothaarige Maskottchen der Kinderprogramme, einen
Napoleonhut und stellt den großen Feldherrn in Bildern und Erzählungen
vor. Das Interesse am Kaiser der Franzosen wird durch die gemeinsame
Herstellung von Napoleonhüten aus Karton geweckt. In den Schaukästen des
Museums erkennen die Kinder später Napoleon unter den Zinnfiguren sofort
wieder und können ihn mit den in den Dioramen dargestellten Szenen in
Verbindung bringen.
Die Highlights des Programms stellen sicherlich die Spiele dar, die
ebenfalls nach historischen Aspekten ins Konzept eingebaut wurden. Der
geringe materielle Aufwand erfordert von den konsumgewohnten Kindern
Aktivität und Fantasie und demonstriert, wie wenig an Spielzeug damals
zur Verfügung stand: Holzmurmeln, die auf dem holprigen Parkettboden
unberechenbare Bahnen einschlagen, Holzreifen, die von Könnern mit
Stöcken vorwärts bewegt werden, einfache Schattenspiele und - für
Privilegierte - eine Laterna magica als Vorläufer von Film und
Fernsehen. Das Gruppenspiel „Kaiser, wie viele Schritte darf ich gehen“
lässt die Teilnehmer die Problematik von Machtpositionen besser
verstehen: viele von ihnen finden die zuvor begehrenswerte Rolle eines
Befehlshabers anstrengend und fühlen sich als Kaiser sehr allein vor
ihren Untertanen.
In Schloss Loosdorf blickt man bereits auf eine lange Tradition von
Kinderprogrammen zurück. Mit der neuen Betty-Bernstein-Erlebnisführung
wird das Schlossmuseum nun zu einem Ort, an dem Geschichte spielerisch
erfahren werden kann.
Schaufenster/Volkskultur – Forum Museum 03/2005
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